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Innovative Konzepte

 

Angesichts des zunehmenden Pflegebedarfs sind verschiedene Bestrebungen im Gange, die langfristige Pflegeversorgung neu zu organisieren. Fortschrittliche Ansätze tragen sowohl den demographischen und gesellschaftlichen Entwicklungen als auch wirtschaftlichen Zielen Rechnung. Im Zentrum stehen das Selbstmanagement der Pflegebedürftigen, interdisziplinäre Zusammenarbeit, neue Ausbildungsmodelle, die Rekrutierung ausländischen Personals, die Kombination ambulanter und stationärer Angebote, komplementäre Betreuungsformen sowie die Unterstützung pflegender Angehöriger.

Neue Pflegekonzepte sehen einen möglichst langen Verbleib im eigenen Zuhause vor, wobei die Unterstützungsleistungen vor Ort individuell und flexibel gestaltet sind. Kostenmindernd soll sich unter anderem der Ausbau der Spitex sowie der Gesundheitsförderung auswirken.

  • Assistenzbeitrag

    Damit Menschen mit Behinderung selbstständig zu Hause leben können und nicht in einem Heim untergebracht werden müssen, zahlt ihnen die Invalidenversicherung einen sogenannten Assistenzbeitrag. Er wurde für volljährige Personen konzipiert, die zu Hause leben und eine Hilflosenentschädigung der IV beziehen. Mit dem Assistenzbeitrag von Fr. 32.50 pro Stunde können die Versicherten ihr Pflegepersonal selbst einstellen oder Helfer entschädigen, die bis dahin Gratisarbeit leisteten. Die tägliche Assistenz ist jedoch pro Tag auf maximal acht Stunden für Hilfe bei Haushalt, Freizeit und alltäglichen Verrichtungen wie etwa Körperpflege und Essen beschränkt. 

    Die Finanzierungsbeiträge werden aufgrund einer Bedarfsabklärung individuell ermittelt und danach direkt ausbezahlt. Längerfristig soll dieses Modell die teureren Heim- und Spitex-Dienste ablösen und dazu beitragen, die Gesundheitskosten zu senken. 

    Der Assistenzbeitrag wird für benötigte Hilfeleistungen ausgerichtet, die regelmässig von einer vom Versicherten angestellten (natürlichen) Person erbracht werden. Jedoch nur unter der Bedingung, dass es sich nicht um den Lebenspartner oder einen direkten Verwandten ersten Grades handelt. Institutionelle und freiberuflich Pflegende sowie Angehörige können im Rahmen der Hilflosenentschädigung bezahlt werden.

    Das Recht auf IV-Assistenz bleibt Körperbehinderten vorbehalten. Wer geistig behindert ist, kann nur in Ausnahmefällen das Heim verlassen respektive ein Assistenzbudget beanspruchen. Auch für psychisch Behinderte ist der Zugang erschwert. 

    Minderjährigen soll mit Hilfe des Assistenzbeitrags der Besuch einer regulären Schule ermöglicht werden. Anspruch auf den Assistenzbeitrag haben auch schwer pflegebedürftige Kinder und Jugendliche, die zu Hause statt in einer Institution gepflegt werden. Damit sollen die Eltern entlastet werden als Lösung dafür, dass die IV die nicht-medizinische Betreuung durch die Kinderspitex nicht mehr übernimmt.

  • Case Management

    Case Management ist der Schlüsselbegriff für die systematische, koordinierte Intervention mehrerer Fachpersonen zur Unterstützung einer bedürftigen Person. Das verantwortliche Team erarbeitet gemeinschaftlich Lösungen in komplexen Fällen, um eine vorgängig klar definierte Verbesserung zu erreichen.

  • Futuro-Betreuungsprogramm

    Die Zunahme chronischer Erkrankungen bildet die Ausgangslage für das das Futuro-Betreuungsprogramm. Bei diesem Hausarzt- und ICT-basierten Projekt wird ein substanzieller Teil des Chronic-Care-Managements an die Medizinische Praxisassistentin (MPA) delegiert. Die Schulungen der MPAs erfolgt am Weiterbildungszentrum für Gesundheitsberufe. Die speziell ausgebildeten MPAs werden ab 2013 im Auftrag und unter Aufsicht von Hausärzten tätig werden.

  • Gastfamilien für akut Psychischkranke

    Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich hat für psychisch belastete Personen mit Wohnsitz in und um Zürich ein bemerkenswertes Konzept entwickelt. Sie bietet integrationsfähigen, akut Psychischkranken die Möglichkeit, während einer akuten Krise vorübergehend bei Gastfamilien zu leben und an deren Alltag teilzunehmen.

  • Hotelspitex

    Claire & George heisst ein derzeit im Kanton Bern laufendes Projekt, dessen langfristiges Ziel die Etablierung einer nationalen Hotelspitex ist. Die im Hotel verfügbaren Spitexleistungen sollen es Pflegebetroffenen erlauben ihre Ferien sorgenlos zu geniessen.

  • Mobile Palliativdienste

    Der Bund und die Kantone wollen die Palliativ-Pflege fördern. Die «Nationale Strategie Palliative Care 2010-2012» soll unter anderem eine zufriedenstellende Pflegeversorgung und die Entlastung von Angehörigen gewährleisten. Das Versorgungskonzept sieht neben mobilen Palliativ-Diensten auch stationäre Einrichtungen wie Hospize vor. Oberstes Ziel ist, den Zugang zu Palliative-Care-Leistungen, unabhängig vom sozioökonomischen Status, für alle Menschen zu gewährleisten.

    Mobile Palliativdienste sollen in der Schweiz ausgebaut werden. Spezialisierte, interdisziplinär arbeitende Teams beraten Betreuende zu Hause und im Pflegeheim. Sie können von Fall zu Fall auch in die Pflege und Betreuung einbezogen werden. Mobile Palliativdienste bieten problembasierte Unterstützung («palliatives Case-Management»), insbesondere bei Komplikationen und im Hinblick auf künftige Belastungssituationen. Die Verantwortung für die Behandlung bleibt in der Regel bei den Grundversorgern. Ein multidisziplinäres Team kann aus einem Arzt oder einer Ärztin sowie aus Personen eines Pflegeberufs bestehen. Je nach Anforderungen werden auch Fachpersonen anderer Berufe oder Fachgebiete wie Seelsorge, Ernährung und Diätik beigezogen.

  • Patientencoachs

    Betagte Patienten werden beim Eintritt ins Spital einer Pflegefachkraft zugeordnet, die zur festen Bezugsperson wird. Diese sogenannten Patientencoachs sind sowohl für die Betreuung während des Spitalaufenthalts zuständig als auch nach dem Spitalaustritt. Sie stehen im Kontakt zu pflegenden Angehörigen, dem Hausarzt, der Spitex, der Apotheke, dem Pflegeheim oder Versicherungen, sorgen für den nötigen Informationsfluss und organisieren die Behandlung über den Spitalaustritt hinaus. 

  • Pflegende Angehörige als Spitex-Mitarbeitende

    Wenn Personen mit einer Pflegeausbildung ihr Arbeitspensum reduzieren um ihre Angehörige zu pflegen, ist das paradox. Eine echte Pionierarbeit leistet in diesem Zusammenhang das Projekt der Spitex Köniz. Sie stellt pflegende Angehörigen ein, die über eine entsprechende Ausbildung verfügen und noch nicht im AHV-Alter sind.

  • Pflegeversicherung

    Pflegeversicherungen sollen die einst vom Pflegebedürftigen zu tragenden Kosten verringern. Das gleiche Ziel könnte allenfalls eine obligatorische Pflegeversicherung erreichen. 

  • Präventiv geriatrische Hausbesuche

    Professionell organisierte «präventiv geriatrische Hausbesuche» sollen das Risiko funktionaler Einschränkungen reduzieren und den Übertritt in ein Pflegeheim verzögern. Mittels einem geriatrischem Assessment, das auch komplementäre gesundheitsrelevante Faktoren untersucht, sind im Rahmen von Pilotstudien gute Resultate erzielt worden.

  • Serviceassistenz

    Ein vielversprechender Lösungsansatz, um das Pflegepersonal zu entlasten, ist das Konzept der Serviceassistenz. Dieses sieht eine neuartige Aufgabenteilung vor, welche das Pflegepersonal von nichtpflegerischen Tätigkeiten befreit. Pflegefremde Aufgaben werden von Mitarbeitenden aus dem Supportbereich, sogenannten Serviceassistentinnen und -assistenten, übernommen. Diese nehmen etwa Essensbestellungen auf, verteilen die Mahlzeiten und räumen das Geschirr ab. Zudem übernehmen sie weitere wichtige patientennahe Funktionen. Sie kümmern sich um den Zimmerservice, begleiten Patienten und führen kleine Besorgungen aus.

    Einen erfolgreichen Pilotversuch mit einer neuen Aufgabenteilung rund um den Patienten haben die Spitäler Frutigen Meiringen Interlaken AG  durchgeführt. Auch ISS Health Care Business Solutions hat diesen Ansatz aufgegriffen und ein eigenes Konzept für integrale Dienstleistungen rund um den Patienten erstellt.

  • Zeitgutschriften

    Vorerst nur eine Idee zur Sicherung der Pflegeversorgung ist das Konzept Zeitgutschriften. Wer in gesunden Jahren pflegerische und soziale Leistungen erbringt, soll nicht mit Lohn, sondern mit Zeitgutschriften entschädigt werden. Bei eigener Pflegebedürftigkeit sind diese Gutscheine Mittel, um selbst in den Genuss pflegerischer Gegenleistungen zu kommen. In Ländern wie Japan, Deutschland oder Österreich sind solche Modelle schon erprobt. In St. Gallen wurde ein konkretes Projekt «Zeitvorsorge» erarbeitet. Es wird spätestens 2013 eingeführt. Zeitgutschriftensysteme können Begleitung, Betreuung und einfache Pflege umfassen. Begleitung meint etwa Besuche oder Fahrdienste, Betreuung sowie Hilfsdienste im alltäglichen Leben wie Einkaufen, Putzen, Kochen oder einfache handwerkliche Arbeiten.

Letzte Änderung: 14. April 2012